Photo of Annie Antor from Skegness

Annie Antor  / Photo: ©Byford.JOHN  > 2026. Skegness

🇩🇪​​​​​​​ Annie Antor  (geb. 1965)​​​​​​​
Ich wurde Mitte der Swinging Sixties in Chelmsford in Essex geboren. Viel kann ich mich daran allerdings nicht erinnern, denn als ich ungefähr fünf Jahre alt war, zogen wir nach London.
Mein Vater war Tierpfleger und arbeitete eine Zeit lang im London Zoo. Er war ein sehr gut aussehender Mann. Eigentlich sah er aus wie ein Hollywood Schauspieler und hatte ganz sicher auch den Charme und das Charisma dazu. Er war allerdings auch ein ziemlicher Frauenheld und verließ meine Mutter schließlich für eine wesentlich jüngere Frau.
Danach wurde meine Kindheit ziemlich unruhig. Meine leibliche Mutter sah ich erst als Teenager wieder, und diese frühen Jahre verbrachte ich mit meinem Vater und meiner Stiefmutter. Wir zogen immer wieder durch das Land. Wir lebten unter anderem in Großstädten wie Manchester und Leicester, aber irgendwie blieben wir nirgendwo besonders lange.
Weil wir so oft umzogen, hatte ich nie wirklich die Gelegenheit, irgendwo anzukommen oder richtige Freundschaften zu schließen. Auch meine Schulbildung litt sehr darunter. Ehrlich gesagt würde ich sie als katastrophal bezeichnen. Ich war kaum in der Schule und konnte deshalb nicht richtig lesen oder schreiben.
Als ich neun Jahre alt war, zogen wir wieder um. Diesmal ging es viel weiter weg. Wir reisten quer durch Europa bis nach Zypern. Es war 1974, nicht gerade das beste Jahr, um dort anzukommen, denn auf der Insel war ein Konflikt ausgebrochen.
Mein Vater war türkischer Zyprer. In den 1950er Jahren war er nach England gekommen, um eine landwirtschaftliche Hochschule zu besuchen, und er hatte einen britischen Pass. Wir anderen hatten ebenfalls britische Pässe, aber angesichts des Konflikts um uns herum wurde klar, dass wir Zypern verlassen mussten.
An unsere Abreise erinnere ich mich noch sehr genau. Irgendwie gerieten meine Geschwister und ich mitten in eine Demonstration gegen den Krieg und wurden mit Tränengas beschossen. Ich war noch ein Kind und hatte große Angst. Manche Erinnerungen aus der Kindheit verblassen mit der Zeit, aber solche Erlebnisse bleiben einem.
Von Zypern aus verschlug es uns in ein winziges Dorf in Lincolnshire, wo mein Vater ein kleines Bauernhaus kaufte. Es gab dort nicht einmal Strom.
Mein Vater war unglaublich geschickt und konnte fast alles bauen oder reparieren. Im Garten baute er eine kleine Windturbine, mit der er etwas Strom für uns erzeugte. Ich kann sie heute noch ganz deutlich vor mir sehen. Außerdem gelang es ihm, einen gebrauchten Generator von einem amerikanischen Militärstützpunkt in einer benachbarten Grafschaft zu kaufen.
Es waren harte Zeiten. Das waren die 1970er Jahre und nicht irgendein längst vergangenes Jahrhundert, aber irgendwie kamen wir zurecht. Gleichzeitig lebten wir dort sehr abgeschieden. Nach dem Leben in verschiedenen Städten und unserer Reise quer durch Europa befanden wir uns plötzlich mitten auf dem Land in Lincolnshire, umgeben von Feldern und sonst nicht viel.
Mein Vater war ständig unterwegs, und schließlich veränderte eine dieser Reisen wieder alles.
In einem Zug lernte er zufällig einen völlig fremden Mann namens Mr Murray kennen. Sie kamen ins Gespräch, und Mr Murray, der in Skegness einen Zeitungsladen hatte, schlug vor, dass wir doch nach Skegness ziehen sollten.
Also taten wir es.
Wir kamen im Sommer 1976 nach Skegness, mitten in der berühmten Hitzewelle dieses Jahres. Damals konnte ich unmöglich wissen, dass Skegness nach all den verschiedenen Orten und all den Umzügen der Ort werden würde, an dem ich endlich bleiben sollte.
Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich ein dauerhaftes Zuhause.
Das bedeutete auch, dass ich endlich regelmäßig zur Schule gehen konnte. Ich kam auf die weiterführende Schule, aber es war unglaublich schwierig. Ich hatte so viel Unterricht verpasst, dass ich immer zu den Schlechtesten in der Klasse gehörte. Lesen und Schreiben fielen mir sehr schwer, und ich musste Dinge nachholen, die andere Kinder schon Jahre zuvor gelernt hatten.
Es gab auch andere Dinge, an die ich mich gewöhnen musste. Eines davon war der Lärm.
Auf dem Bauernhof war ich daran gewöhnt gewesen, morgens vom Vogelgesang aufzuwachen und früh und abends die Geräusche der Landschaft um mich herum zu hören. In Skegness wohnten wir an der Hauptstraße in die Stadt. Plötzlich hörte ich statt der Vögel ständig den Verkehr der Urlauber.
Daran musste ich mich erst gewöhnen. Aber Skegness gab mir etwas, das ich vorher kaum gehabt hatte. Endlich hatte ich die Möglichkeit, Freundschaften zu schließen.
Ich weiß noch, dass ich Skegness für eine recht hübsche Stadt hielt. Viel wichtiger aber war, dass es ein Ort wurde, zu dem ich gehören konnte. Es wartete keine nächste Stadt auf uns, kein anderes Land und kein weiteres Haus. Endlich konnte ich anfangen, Wurzeln zu schlagen.
Und diese Wurzeln sind geblieben. Seitdem lebe ich in Skegness.
Viele Jahre lang arbeitete ich als Markthändlerin, reiste durch das ganze Land und sah unzählige andere Städte. Vielleicht betrachte ich Skegness deshalb mit etwas anderen Augen. Ich liebe die Stadt, aber ich finde auch, dass sie vernachlässigt wurde. Wenn man bedenkt, wie viel Geld der Tourismus in die Region bringt, denke ich manchmal, dass Skegness etwas Besseres verdient hätte.
Viele der schönen Geschäfte, an die ich mich erinnere, sind verschwunden und wurden durch Wohltätigkeitsläden, Vape Shops und Barbershops ersetzt. Aber ich weiß auch, dass das nicht nur in Skegness passiert ist. In all den Jahren, in denen ich als Markthändlerin unterwegs war, habe ich ähnliche Veränderungen in Städten im ganzen Land gesehen.
Orte verändern sich. Vielleicht war das schon immer so.
Aber trotz allem habe ich überhaupt nicht vor, Skegness zu verlassen. Der größte Teil meiner Familie lebt in London, aber London ist für mich nicht mein Zuhause. Skegness ist es.
Hier habe ich endlich aufgehört, ständig weiterzuziehen. Hier konnte ich mir ein Leben aufbauen und, was für mich am wichtigsten ist, hier sind meine Freunde.
Nach einer Kindheit, in der ich nie lange genug an einem Ort blieb, um wirklich Wurzeln zu schlagen, ist das vielleicht der Grund, warum Freundschaft mir heute so viel bedeutet. Meine Freunde sind mir wichtig. Sie sind ein Teil des Grundes, warum ich geblieben bin, warum ich hierher gehöre und warum Skegness für mich Zuhause ist.
🇬🇧 Annie Antor  (b. 1965)
I was born in Chelmsford, Essex, in the middle of the swinging sixties, although I don’t remember much about it because we moved to London when I was about five.
My dad was a zookeeper and worked for a while at London Zoo. He was a very good-looking man. In fact, he looked like a Hollywood actor and certainly had the charm and charisma to go with it. He was also very much one for the ladies, and eventually he left my mum for a much younger woman.
After that, my childhood became rather unsettled. I didn’t see my real mum again until I was a teenager, and I spent those early years with my dad and stepmum, moving around the country. We lived in some of the big cities, including Manchester and Leicester, but we never seemed to stay anywhere for very long.
Because we moved so often, I never really had the chance to settle down or make proper friends. My education suffered terribly too. In fact, I would describe it as shocking. I was hardly at school and, as a result, I couldn’t properly read or write.
When I was nine, we moved again. This time we went much further, travelling across Europe to Cyprus. It was 1974, which wasn’t exactly the best year to arrive there, because conflict had broken out on the island.
My dad was Turkish Cypriot. He had come to England in the 1950s to attend agricultural college and had an English passport. The rest of us had English passports too, but with the conflict around us, it became clear that we had to leave.
I remember our departure very clearly. Somehow, my siblings and I found ourselves caught up in the middle of a demonstration against the war and we were tear-gassed. I was only a child and it was frightening. Some childhood memories fade with time, but experiences like that stay with you.
From Cyprus we ended up in a tiny village in Lincolnshire, where my dad bought a small farmhouse. There wasn’t even electricity.
My dad was incredibly clever with his hands and could make or repair almost anything. He built a small wind turbine in the garden that generated some electricity for us, something I can still picture very clearly. He also managed to buy a second-hand generator from an American military base in a neighbouring county.
Times were hard. This was the 1970s, not some distant century, but somehow we managed. It was also a very isolated way of life. After living in cities and then travelling across Europe, suddenly we were in the Lincolnshire countryside, surrounded by fields and very little else.
My dad was always travelling, and eventually one of those journeys changed everything again.
He happened to meet a complete stranger called Mr Murray on a train. They got talking and Mr Murray, who had a newsagent’s shop in Skegness, suggested that we should come and live there.
So we did.
We arrived in Skegness during the summer of 1976, right in the middle of that famous heatwave. I couldn’t possibly have known it then, but after all those different places and all those moves, Skegness was going to become the place where I finally stayed.
For the first time in my life, I had a permanent home.
That also meant I could finally have a proper education. I started secondary school, although it was incredibly difficult. I had missed so much schooling that I was always at the bottom of the class. Reading and writing were a real struggle, and I was trying to catch up on things that other children had learned years before.
There were other things to get used to as well. One of the biggest was the noise.
At the farmhouse I had become accustomed to waking up to birdsong and hearing the countryside around me in the mornings and evenings. In Skegness, we lived on the main road into town. Suddenly, instead of birds, there was the constant sound of holiday traffic.
That took some adjusting to. But Skegness gave me something I hadn’t really had before. I finally had the chance to make friends.
I remember thinking Skegness was a rather pretty town. More importantly, it became somewhere I could belong. There was no next city waiting for us, no next country and no next house. I could finally begin putting down roots.
And those roots have remained. I’ve lived in Skegness ever since.
For many years I worked as a market trader, travelling around the country and seeing countless other towns. Perhaps that has made me look at Skegness differently. I love the town, but I also think it has been neglected. Considering how much money tourism brings into the area, I sometimes feel it deserves better.
Many of the beautiful shops I remember have disappeared, replaced by charity shops, vape shops and barbers. But I also know this isn’t something that has happened only to Skegness. Through my years travelling as a market trader, I’ve seen similar changes in towns all over the country.
Places change. Perhaps they always have.
But despite everything, I have absolutely no intention of leaving. Most of my family live in London, but London isn’t home to me. Skegness is.
It’s where I finally stopped moving. It’s where I was able to make a life and, most importantly, it’s where my friends are.
After a childhood when I never stayed anywhere long enough to really put down roots, perhaps that is why friendship means so much to me now. My friends are important to me. They are part of the reason I stayed, part of the reason I belong here and part of what makes Skegness home.
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