🇩🇪 Chantelle Kelly (geb.1979)
Ich wurde 1979 in Barnsley geboren, einer vom Bergbau geprägten Industriestadt in South Yorkshire. Mein Vater war Bergarbeiter und arbeitete unter Tage. Es war ein hartes Leben für ihn und auch für uns als Familie. Das Geld war nicht einfach nur knapp. Manchmal war schlicht nicht genug da. Ich erinnere mich an die Bergarbeiterstreiks der 1980er Jahre und an die Regierung unter Margaret Thatcher. Wir waren eine Bergarbeiterfamilie und ja, wir waren gegen Thatcher. Ich war noch ein Kind, aber man muss nicht besonders alt sein, um zu verstehen, was es bedeutet, wenn nicht genug Essen auf dem Tisch steht.
Manchmal gab es bei uns Spaghetti Bolognese ohne Bolognese. Einfach nur Spaghetti. So schwierig waren diese Zeiten. Dann änderte sich unser Leben. Mein Vater ging in den Ruhestand und wir zogen an die Küste. Nach Skegness zu kommen fühlte sich an wie ein Traum. Vorher hatten wir darum gekämpft, überhaupt genug Essen auf den Tisch zu bekommen, und plötzlich konnten wir den Kühlschrank öffnen und er war tatsächlich voll. Und dann war da noch die Luft. Wir hatten die schmutzige Luft einer Industriestadt hinter uns gelassen und waren an der Nordsee angekommen. Diese kräftige Seeluft fühlte sich sauber an. Alles fühlte sich anders an. Mehr als vierzig Jahre später lebe ich noch immer im selben Haus unserer Familie.
In Skegness aufzuwachsen war gut. Es gab viele Partys und jede Menge Gras. Mit fünfzehn rauchte ich meinen ersten Joint. Damals war ich eine Rebellin. Ich glaube, das bin ich immer noch. Das brave Mädchen war ich jedenfalls nie. Ich habe auch jede Menge verrückte Sachen gemacht. Mit siebzehn schaffte ich es sogar, in Skegness falsch herum um den Clock Tower zu fahren, obwohl ich irgendwann tatsächlich meinen Führerschein bestanden habe. Mein Vater kaufte mir ein Auto, fand dann aber mein Gras darin.
Zur Strafe verbrannte er es vor meinen Augen im Kohleofen. Nach all den Jahren unter Tage wusste mein Vater natürlich ziemlich genau, wie man ein Feuer am Brennen hält. Ich stand da und sah zu, wie mein Gras durch den Schornstein verschwand. Der Schornstein war an diesem Abend wahrscheinlich ziemlich high.
Nach der Schule hatte ich verschiedene Jobs. Unter anderem trainierte ich Rennpferde auf der Rennbahn in Market Rasen. Das passte zu mir, denn Pferde habe ich schon immer über alles geliebt. Selbst heute, wenn ich mir einen Ort vorstelle, an den ich wirklich fliehen könnte, sind dort Pferde. Doch ausgerechnet eine Reise nach Amerika veränderte völlig unerwartet mein Berufsleben. Mein Sohn wäre dort beinahe ertrunken und ich rettete ihn. Danach beschloss ich, Rettungsschwimmerin zu werden, und machte diesen Beruf fünfzehn Jahre lang.
Außerdem engagierte ich mich ehrenamtlich bei der Seenotrettung in Skegness und war damals die einzige Frau in der Crew. Ich war nur knapp ein Jahr dabei, aber aus dieser kurzen Zeit sind Erinnerungen geblieben, die ich immer bei mir tragen werde. Schließlich hörte ich auf, als mein drittes Kind geboren wurde. Viele Jahre meines Lebens ging es darum, andere Menschen zu beschützen. Das Merkwürdige daran ist, dass es Zeiten gab, in denen ich mich selbst nicht beschützen konnte.
Viele Menschen in Skegness erkennen mich, und genau so mag ich es. Ich wollte nie in der Masse verschwinden. Die blauen Haare helfen natürlich dabei. Und nur damit das klar ist: Das Blau hat absolut nichts damit zu tun, dass ich die Konservativen unterstütze oder heimlich Margaret Thatcher liebe. Ganz bestimmt nicht.
Und dann sind da noch die Tattoos. Mein erstes bekam ich mit fünfzehn. Erst Anfang dreißig nahm meine süchtige Seite dabei so richtig Fahrt auf, und inzwischen bedecken Tattoos einen großen Teil meines Körpers. Die Leute sehen meine Tattoos und meine blauen Haare und glauben vielleicht, sie wüssten, was für ein Mensch ich bin. Aber es gibt vieles in meinem Leben, das niemand wissen kann, nur weil er mich ansieht.
Als Kind wurde ich von meinem Vater missbraucht. Später gab es toxische Beziehungen, die ihre Spuren bei mir hinterließen. Es gab Drogen. Es gab Trauer. Und es gab Zeiten, in denen mein Leben sehr dunkel wurde. Ich behaupte nicht, ein perfektes Leben geführt zu haben. Das habe ich nicht. Ich habe Fehler gemacht. Ich habe Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin, und Dinge erlebt, die ich niemandem wünschen würde. Aber ich bin, wer ich bin. Eines meiner Tattoos lautet FUCK THE SYSTEM. Harte Worte, aber es sind meine.
Bei all der Rebellion und all der Härte, die andere vielleicht in mir sehen, gibt es etwas, das mir viel schwerer fällt zuzugeben. Wenn meine Kinder nicht gewesen wären, glaube ich nicht, dass ich heute noch hier wäre. Meine Jungs haben mich am Leben gehalten.
Heute bin ich drogenfrei und das seit ein paar Jahren. Gras gehörte seit meinem fünfzehnten Lebensjahr zu meinem Leben, aber dabei blieb es nicht. Es gab auch harte Drogen. Ich bin nicht auf alles stolz, was ich getan habe, aber ich werde mich auch nicht davor verstecken. Es gehört zu meiner Geschichte, aber es ist heute nicht mehr mein Leben. Seltsamerweise mussten erst beide meiner Eltern sterben, bevor ich schließlich aufhörte, Gras zu rauchen. Trauer ergibt nicht immer einen Sinn.
Auch COVID hat mir zugesetzt. Irgendwann wurde alles zu viel. Ich hatte einen Zusammenbruch und kam in eine Kriseneinrichtung. Nachdem ich so viele Jahre damit verbracht hatte, mich um andere Menschen zu kümmern, kam ich an einen Punkt, an dem ich selbst die Hilfe anderer brauchte. Auch da bin ich durchgekommen.
Heute habe ich für jeden Tag des Jahres ein Kleid. Wirklich. Das ist verdammt noch mal eine Menge Kleidung. Und trotz allem kann ich immer noch lachen. Ich glaube, das ist wichtig. Ich sehe mich selbst als einen Leuchtturm in einer dunklen Welt. Ein paar Stürme habe ich in meinem Leben jedenfalls erlebt. Manche kamen von anderen Menschen, manche habe ich selbst verursacht und manche sind einfach gekommen, ohne zu fragen.
Ich habe noch viel Trauer vor mir, besonders wenn es um meine Eltern geht. Ihr Tod hat nicht einfach alles ausgelöscht, was vorher geschehen war. Man kann jemanden lieben, gleichzeitig wütend auf ihn sein und trotzdem um ihn trauern. Das habe ich gelernt.
Skegness ist seit mehr als vierzig Jahren mein Zuhause, aber manchmal denke ich, ich würde lieber auf einer Wiese voller Pferde leben, weit weg von anderen Menschen. Vielleicht klingt das seltsam für jemanden mit blauen Haaren und einem Körper voller Tattoos. Ich wollte nie in der Masse untergehen und werde das auch nie wollen. Aber man selbst sein zu wollen bedeutet nicht, ständig von Menschen umgeben sein zu wollen.
Manchmal möchte ich einfach nur meine Ruhe. Gebt mir meine Pferde, eine offene Wiese und etwas Platz zum Atmen. Für jemand anderen klingt das vielleicht einsam oder abgeschieden. Für mich nicht. Nach einem Leben voller Lärm, Kämpfe, Sucht, Liebe und Verlust klingt ein bisschen Frieden ziemlich schön.
Menschen können mich ansehen und blaue Haare, Tattoos und eine Rebellin sehen und sich vielleicht den Rest meiner Geschichte ausdenken, bevor ich überhaupt den Mund aufgemacht habe. Aber sie kennen nicht das kleine Mädchen, das wusste, was Armut bedeutet, weil das Abendessen manchmal nur aus Spaghetti bestand. Sie wissen nicht, was hinter verschlossenen Türen passiert ist. Sie kennen nicht die Mutter, die ihren Sohn aus dem Wasser zog, oder die Rettungsschwimmerin, die fünfzehn Jahre lang auf andere Menschen aufgepasst hat. Und sie kennen nicht die Frau, deren eigene Kinder später der Grund dafür waren, dass sie am Leben blieb.
Man kann einen Menschen ansehen, ohne ihn wirklich zu kennen. Hinter dem, was wir sehen, steckt immer mehr. Ich trauere noch immer, ich heile noch immer und ich bin definitiv noch immer eine Rebellin. Und ich bin noch hier. Ich habe gesagt, dass ich mich selbst als einen Leuchtturm in einer dunklen Welt sehe.
Das Licht brennt noch.
🇬🇧 Chantelle Kelly (b.1979)
I was born in 1979 in Barnsley, an industrial mining town in South Yorkshire. My dad was a coal miner and worked down the pits. It was a hard life for him, and it was a hard life for us as a family. Money wasn’t just tight. Sometimes there simply wasn’t enough. I remember the miners’ strikes of the 1980s and the Thatcher government. We were a mining family and, yes, we were anti Thatcher. I was only a child, but you don’t have to be very old to understand when there isn’t enough food on the table.
Sometimes we had Spaghetti Bolognese without the Bolognese. Just spaghetti. That’s how hard things were. Then our lives changed. My dad retired and we moved to the coast. Coming to Skegness felt like living the dream. We had gone from struggling to put food on the table to opening a fridge and actually finding it full. And then there was the air. We had left behind the dirty air of an industrial mining town and arrived beside the North Sea. That bracing sea air felt clean. Everything felt different. More than forty years later, I’m still living in the same family home.
Growing up in Skegness was good. There were lots of parties and lots of weed. I smoked my first joint when I was fifteen. I was a rebel back then. I suppose I still am. I’ve never exactly been the good girl. I’ve done plenty of crazy things too. When I was seventeen, I even managed to drive the wrong way around the Clock Tower in Skegness, although somehow I eventually passed my driving test. My dad bought me a car, but then he found my weed inside it.
His punishment was to burn it in front of me on the coal fire. After all those years working down the pits, my dad certainly knew how to keep a fire going. I stood there watching my weed disappear up the chimney. The chimney was certainly on a high that night.
After leaving school I had several jobs, including training racehorses at Market Rasen Racecourse. It suited me because I’ve always had an absolute love of horses. Even now, when I imagine somewhere I could truly escape to, there are horses there. But it was a trip to America that unexpectedly changed the direction of my working life. My son nearly drowned and I saved him. After that, I decided to become a lifeguard and did the job for fifteen years.
I also volunteered with the Skegness lifeboat crew and was the only female member of the crew at the time. I was there for just under a year, but that short period left me with memories I will always carry. I eventually stopped when I gave birth to my third child. For years, part of my life was about keeping other people safe. The strange thing is that there have been times when I haven’t been able to keep myself safe.
People tend to recognise me around Skegness, and that’s how I like it. I’ve never wanted to disappear into the crowd. The blue hair certainly helps. And just for the record, the blue has absolutely nothing to do with supporting the Conservatives or some secret love of Margaret Thatcher. Definitely not.
Then there are the tattoos. I had my first when I was fifteen. It wasn’t until my early thirties that my addictive nature really took hold of them, and now they cover much of my body. People see the tattoos and the blue hair and perhaps think they know what sort of person I am. But there is a lot about my life that nobody could know simply by looking at me.
I suffered abuse from my father as a child. Later there were toxic relationships that took their toll on me. There were drugs. There was grief. There were times when life became very dark. I don’t pretend to have lived a perfect life. I haven’t. I’ve made mistakes. I’ve done things I’m not proud of and I’ve been through things I wouldn’t wish on anybody. But I am who I am. One of my tattoos says FUCK THE SYSTEM. Strong words, but they’re mine.
For all the rebellion and toughness people might see when they look at me, there is something much harder for me to admit. If it wasn’t for my children, I don’t think I would still be here. My boys kept me alive.
I’m drug free now and have been for a couple of years. Weed had been part of my life since I was fifteen, but it didn’t stop there. There were hard drugs too. I’m not proud of everything I’ve done, but I’m not going to hide from it either. It’s part of my story, but it isn’t my life anymore. Strangely, it took the deaths of both my parents before I finally stopped smoking weed. Grief doesn’t always make sense.
COVID took its toll on me too. Eventually everything became too much. I had a breakdown and ended up in a crisis unit. After spending so many years looking after other people, I reached a point where I needed other people to help me. I came through that too.
These days, I have a dress for every day of the year. I’m serious. That’s one hell of a wardrobe. And despite everything, I can still laugh. I think that’s important. I see myself as a lighthouse in a dark world. I’ve certainly been through a few storms in my time. Some came from other people, some I created myself and some simply arrived without asking.
There is still a lot of grieving left for me to do, particularly where my parents are concerned. Losing them didn’t magically erase everything that happened before. You can love someone, be angry with them and grieve for them at the same time. I’ve learned that.
Skegness has been my home for more than forty years, but sometimes I think I’d sooner live in a field full of horses, away from people. Maybe that sounds strange coming from someone with blue hair and a body covered in tattoos. I’ve never wanted to blend into the crowd, and I never will. But wanting to be yourself isn’t the same as wanting to be surrounded by people.
Sometimes I just want peace. Give me my horses, an open field and some space to breathe. To somebody else that might sound isolated or lonely. Not to me. After a lifetime of noise, struggle, addiction, love and loss, a little peace sounds rather beautiful.
People can look at me and see blue hair, tattoos and a rebel, and perhaps make up the rest of my story before I’ve even opened my mouth. But they don’t know the little girl who understood poverty because sometimes dinner was just spaghetti. They don’t know what happened behind closed doors. They don’t know the mother who pulled her son from the water, or the lifeguard who spent fifteen years watching over other people. And they don’t know the woman whose own children later became the reason she stayed alive.
You can look at somebody without really knowing them. There is always more behind what we see. I’m still grieving, I’m still healing and I’m definitely still a rebel. And I’m still here. I said I see myself as a lighthouse in a dark world.
The light is still on.