🇩🇪 Maedeh Salimian (geb.1990)
Mein Name ist Maedeh Salimian. Ich wurde 1990 in Teheran im Iran geboren und wuchs in einer liebevollen, eng verbundenen Familie auf. Meine Kindheit war geprägt von Familientreffen, vertrauten Straßen und diesem besonderen Gefühl, das man hat, wenn ein Ort einfach Zuhause ist. Der Iran war in diesen Jahren vergleichsweise friedlich, und trotz allem, was seitdem geschehen ist, ist er noch immer das Land, in dem meine Eltern und Geschwister leben und mit dem so viele meiner Erinnerungen verbunden sind.
Als ich zu einer jungen Frau heranwuchs, wurden jedoch Erwartungen an mich gestellt, die sich für mich nie richtig anfühlten. Eine davon war das Tragen des Hidschabs. Ich hatte nicht das Gefühl, dass er widerspiegelte, wer ich war, und entschied mich dagegen, ihn zu tragen. Zweimal wurde ich festgenommen, nachdem ich gegen die Vorschriften protestiert hatte, die Frauen auferlegt wurden. Diese Erfahrungen zeigten mir, wie schwierig es sein kann, offen zu leben und eigene Entscheidungen zu treffen, wenn diese Entscheidungen nicht dem entsprechen, was von einem erwartet wird.
Meine Eltern leben noch immer im Iran. Sie sind in einen Teil des Landes gezogen, von dem sie hoffen, dass er sicherer ist, doch der Kontakt zu ihnen wird zunehmend schwieriger. Einschränkungen und Ausfälle des Internets können die Kommunikation nahezu unmöglich machen, während Telefongespräche teuer und nicht immer zuverlässig sind. Manchmal vergehen mehrere Tage, ohne dass ich etwas von ihnen höre.
So weit entfernt zu sein, wenn das passiert, macht mir Angst. Ich kann nichts tun, außer zu warten und zu hoffen, dass alle in Sicherheit sind. Die räumliche Entfernung ist schon schwer genug, aber wenn man nicht einfach zum Telefon greifen und die Stimme eines geliebten Menschen hören kann, fühlt sich diese Entfernung noch viel größer an.
Für mich ist eine Rückkehr in den Iran keine Möglichkeit. Die instabile Situation ist ein Grund, doch es gibt noch einen anderen, sehr wichtigen Teil meines Lebens, der eine Rückkehr für mich gefährlich machen würde. Ich bin zum Christentum konvertiert. Mein christlicher Glaube ist heute ein wichtiger Teil dessen, wer ich bin, doch aufgrund meiner Konversion könnte ich bei einer Rückkehr in den Iran mit schwerwiegenden Konsequenzen rechnen müssen.
2019 heiratete ich meinen Mann Ata, der ebenfalls aus Teheran stammt. Er war aus dem Iran geflohen und wurde schließlich in Skegness neu angesiedelt. Auch Ata ist Christ, weshalb eine Rückkehr für ihn ebenfalls gefährlich wäre. Keiner von uns hätte sich in jungen Jahren vorstellen können, dass wir eines Tages gemeinsam ein Leben in einer Küstenstadt in Lincolnshire aufbauen würden, Tausende Kilometer von Teheran entfernt.
Nach unserer Hochzeit konnten wir jedoch nicht einfach unser gemeinsames Leben beginnen. Ich blieb im Iran, während Ata in England war, und drei lange Jahre lang konnten wir uns nicht persönlich sehen. Wir waren Mann und Frau, doch Grenzen, Politik und Umstände, die außerhalb unserer Kontrolle lagen, hielten uns voneinander getrennt.
Wir waren auf Telefongespräche und Nachrichten angewiesen, um unsere Ehe über diese Entfernung hinweg aufrechtzuerhalten. Drei Jahre sind eine sehr lange Zeit, wenn man jemanden liebt und nicht weiß, wann man ihn wiedersehen wird. Es gab Momente, in denen die Ungewissheit überwältigend war. Wenn die Verbindung es zuließ, konnten wir miteinander sprechen und uns auf einem Bildschirm sehen, aber die ganz gewöhnlichen Dinge, die Ehepaare für selbstverständlich halten, konnten wir nicht miteinander teilen. Wir konnten nicht zusammensitzen, gemeinsam essen oder einfach nur im selben Raum sein.
Mit Ata wieder vereint zu sein und endlich nach Skegness zu kommen, war einer der emotionalsten Momente meines Lebens. Ich war unendlich glücklich, wieder bei meinem Mann zu sein, aber zu diesem Glück gehörte auch Traurigkeit, denn hierherzukommen bedeutete, meine Familie zurückzulassen. Ein neues Leben zu beginnen bedeutet nicht, dass man aufhört, das alte zu vermissen.
Die Menschen, die ich in Skegness kennenlernte, machten einen enormen Unterschied. Ich wurde mit Freundlichkeit und Offenheit aufgenommen, und mit der Zeit entstand um mich herum ein Kreis von Menschen, die sich heute wie eine zweite Familie anfühlen. Wenn man in ein anderes Land kommt und alles fremd ist, bedeuten kleine Gesten der Freundlichkeit sehr viel. Sie halfen mir, mich einzuleben, gaben mir Selbstvertrauen und sorgten dafür, dass sich Skegness immer weniger wie ein Ort anfühlte, an dem ich lediglich angekommen war, und immer mehr wie ein Ort, an dem ich wirklich leben konnte.
Meine Eltern und Geschwister fehlen mir trotzdem jeden einzelnen Tag. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke oder mich frage, wie es ihnen geht.
Doch nun steht eine weitere große Veränderung in unserem Leben bevor. Ich erwarte ein Baby.
Unser Kind soll im Oktober 2026 hier in Skegness zur Welt kommen, und ich könnte kaum glücklicher sein. Mutter zu werden ist etwas, wovon ich seit vielen Jahren träume. Nach allem, was Ata und ich durchmachen mussten, nur um endlich zusammen sein zu können, ist es schwer in Worte zu fassen, was es für mich bedeutet, dass wir nun hier unsere eigene kleine Familie gründen werden.
Mein größter Wunsch ist es, dass meine Mutter bei mir sein kann, wenn ich unser Kind zur Welt bringe. Sie wird alles versuchen, um ein Visum zu bekommen und die Reise aus dem Iran anzutreten, aber angesichts der Situation dort ist nichts sicher. Ich weiß nicht, ob sie kommen kann. Alles, was ich tun kann, ist zu beten und zu hoffen, dass sie diesen besonderen Moment irgendwie mit uns teilen kann.
Diese Ungewissheit wird durch das, was meine Familie bereits erlebt hat, noch schwerer. Vor Kurzem mussten wir einen verheerenden Verlust verkraften, als ein junger Verwandter im Alter von nur zwanzig Jahren starb, nachdem er an Protesten gegen die Regierung teilgenommen hatte. Einen so jungen Menschen zu verlieren, ist schon schwer genug. Die Umstände dieses Verlustes zu kennen, macht es noch schwieriger, ihn zu begreifen.
Für mich ist es unmöglich, das, was im Iran geschieht, von den Menschen zu trennen, die ich liebe, denn sie leben noch immer dort und erleben es unmittelbar. Politische Spannungen, Konflikte und wirtschaftliche Not sind für mich nicht einfach Dinge, über die ich in den Nachrichten lese. Sie betreffen meine Familie und die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin. Lebensmittelpreise können sich fast täglich ändern, Familien kämpfen finanziell ums Überleben, und viele Menschen leben mit der Ungewissheit darüber, was der nächste Tag bringen wird.
In Skegness zu sein gibt mir Sicherheit, aber es nimmt mir nicht die Sorge. Jeden Tag denke ich an die Menschen, die ich liebe. Jeden Tag hoffe ich zu hören, dass sie in Sicherheit sind. Und jeden Tag bete ich für sie.
Gleichzeitig weiß ich, dass ich mir erlauben muss, nach vorne zu schauen. Ich habe einen Mann, den ich liebe, ein Baby, das bald zur Welt kommt, und ein Zuhause hier in Skegness. Ich bereite mich darauf vor, Mutter zu werden, in einer Stadt, die mir früher völlig unbekannt war, die mich aber willkommen geheißen und Ata und mir die Möglichkeit gegeben hat, gemeinsam ein Leben aufzubauen.
Das Leben am Meer gibt mir ein Gefühl von Frieden. Manchmal blicke ich über das Wasser und denke über die Entfernung zwischen hier und dem Iran nach, zwischen der Familie, aus der ich komme, und der Familie, die ich jetzt selbst gründe. Beide sind ein Teil von mir. Mein Leben hier zu lieben bedeutet nicht, dass ich mein Land oder meine Familie dort weniger liebe.
Mein Kind wird sein Leben hier in Skegness beginnen. Ich hoffe, dass ich ihm eines Tages von Teheran erzählen kann, von seinen Großeltern und von der Familie und dem Land, die ebenfalls Teil seiner Geschichte sind. Ich hoffe, dass der Iran, den mein Kind eines Tages kennenlernen wird, ein friedlicher Iran sein wird.
Ich bete für mein Land. Ich bete für Frieden. Ich bete für meine Familie, und jetzt bete ich auch für das kleine Leben, das ich in mir trage.
Vor allem bete ich für Hoffnung.
Wir müssen in Hoffnung leben.
Und genau das werde ich tun.
🇬🇧 Maedeh Salimian (b.1990)
My name is Maedeh Salimian. I was born in Tehran, Iran, in 1990, and I grew up surrounded by a loving and close family. My childhood was filled with family gatherings, familiar streets and that feeling you have when somewhere is simply home. Iran was relatively peaceful during those years, and despite everything that has happened since, it is still the country where my parents and siblings live and where so many of my memories belong.
As I became a young woman, however, there were expectations placed upon me that never felt right. One of them was wearing the hijab. It wasn’t something I felt represented who I was, and I chose not to wear it. I was arrested twice after protesting against the rules imposed on women. Those experiences showed me how difficult it could be to live openly and make your own choices when those choices went against what was expected of you.
My parents still live in Iran. They have moved to what they hope will be a safer part of the country, but keeping in touch with them has become increasingly difficult. Internet restrictions and outages can make communication almost impossible, while telephone calls are expensive and aren’t always reliable. Sometimes days can pass without hearing from them.
Being so far away when that happens is frightening. There is nothing I can do except wait and hope that everybody is safe. The physical distance is difficult enough, but when you can’t simply pick up a telephone and hear the voice of somebody you love, that distance feels much greater.
For me, returning to Iran isn’t an option. The instability is one reason, but there is another very important part of my life that makes returning dangerous. I converted to Christianity. My Christian faith is now an important part of who I am, but because of that conversion I could face serious consequences if I returned to Iran.
In 2019, I married my husband, Ata, who is also from Tehran. He had escaped Iran and was eventually resettled in Skegness. Ata is also a Christian, so returning would place him at risk as well. Neither of us imagined when we were younger that one day we would be building our lives together in a seaside town in Lincolnshire, thousands of miles from Tehran.
After we married, however, we couldn’t simply begin our life together. I remained in Iran while Ata was in England, and for three long years we were unable to see each other in person. We were husband and wife, but borders, politics and circumstances beyond our control kept us apart.
We relied on telephone calls and messages to keep our marriage going. Three years is a very long time when you love somebody and don’t know when you’re going to see them again. There were times when the uncertainty became overwhelming. We could talk to each other and see each other on a screen when connections allowed, but we couldn’t share the ordinary things married couples take for granted. We couldn’t sit together, have a meal together or simply be in the same room.
Being reunited with Ata and finally coming to Skegness was one of the most emotional moments of my life. I was incredibly happy to be with my husband again, but that happiness came with sadness because coming here meant leaving my family behind. Starting a new life doesn’t mean you stop missing the old one.
The people I met in Skegness made an enormous difference. I was welcomed with kindness and friendship, and over time I began building a network of people around me who now feel like a second family. When you arrive in another country and everything is unfamiliar, small acts of kindness mean a great deal. They helped me settle, gave me confidence and made Skegness feel less like somewhere I had arrived and more like somewhere I could actually live.
I still miss my parents and siblings every single day. There isn’t a day when I don’t think about them or wonder how they are.
But now another enormous change is coming into our lives. I am expecting a baby.
Our child is due to be born here in Skegness in October 2026, and I couldn’t be more excited. Becoming a mother is something I have dreamed about for many years. After everything Ata and I went through just to be together, knowing that we’re now going to have our own little family here is difficult to put into words.
My greatest wish is for my mother to be with me when I give birth. She will do everything she can to obtain a visa and make the journey from Iran, but with the situation there, nothing can be taken for granted. I don’t know whether she will be able to come. All I can do is pray and hope that somehow she will be here to share that moment with us.
That uncertainty is made even harder by what my family has already experienced. Recently, we suffered a devastating loss when a young relative, only twenty years old, died after taking part in protests against the government. Losing somebody so young is difficult enough. Knowing the circumstances surrounding that loss makes it even harder to accept.
It is impossible for me to separate what is happening in Iran from the people I love because they are still living through it. Political tension, conflict and economic hardship aren’t simply things I read about in the news. They affect my family and the people I grew up with. Food prices can change almost daily, families are struggling financially and many people live without knowing what tomorrow might bring.
Being in Skegness gives me safety, but it doesn’t stop me worrying. Every day I think about my loved ones. Every day I hope to hear that they are safe. And every day I pray for them.
At the same time, I know I have to allow myself to look forward. I have a husband I love, a baby on the way and a home here in Skegness. I am preparing to become a mother in a town that would once have been completely unknown to me but which has welcomed me and given Ata and me the chance to build a life together.
Living beside the sea gives me a sense of peace. Sometimes I look across the water and think about the distance between here and Iran, between the family I came from and the family I am now creating. Both are part of me. Loving my life here doesn’t mean loving my country or my family there any less.
My child will begin life here in Skegness. I hope one day I will be able to tell them about Tehran, about their grandparents and about the family and country that are also part of their story. I hope the Iran they come to know in the future will be a peaceful one.
I pray for my country. I pray for peace. I pray for my family, and now I pray for the little life I am carrying too.
Above all, I pray for hope.
We have to live in hope.
And that is exactly what I intend to do.