🇩🇪 Molly Clayton (geb.1932)
Ich war erst sieben Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann, und doch sind manche Erinnerungen selbst heute, all diese Jahre später, noch so klar, als wären sie erst gestern geschehen.
Ich kann mich noch immer an das Geräusch der Flugzeuge über uns erinnern, die vom RAF-Stützpunkt Spilsby kamen, ganz in der Nähe unseres Dorfes Firsby. Ich weiß noch, wie ich weinte, als eines der Flugzeuge, das liebevoll „Freddie“ genannt wurde, nicht zurückkehrte. Ich erinnere mich an die schreckliche Explosion auf dem Flugplatz, bei der so viele Menschen ums Leben kamen, nicht durch einen feindlichen Angriff, sondern durch einen tragischen Unfall mit Munition. Und ich erinnere mich an die Angst. Es war eine Angst, mit der jede Familie lebte.
Bei uns zu Hause hing eine große Weltkarte an der Wand, und mein Vater steckte kleine Fähnchen an die Orte, an denen Mitglieder unserer Familie im Einsatz waren. Jedes Klopfen an der Tür konnte einem das Herz stehen lassen. Damals fürchteten sich alle davor, den Telegrammboten zu sehen. Diese Erinnerungen haben mich nie verlassen.
Ich wurde 1932 in Burgh le Marsh geboren, nur wenige Kilometer von Skegness entfernt. Meine Großmutter lebte in Skegness, deshalb war mir die Stadt schon lange vertraut, bevor sie schließlich mein Zuhause wurde. Ich war das älteste von neun Kindern meiner Eltern John und Eva, und als Älteste lernte ich schon früh, Verantwortung zu übernehmen. Auf meine Brüder und Schwestern aufzupassen, wurde einfach ein Teil von mir.
Als wir nach Firsby zogen, herrschte im Dorf reger Eisenbahnverkehr. Urlauber fuhren auf ihrem Weg nach Skegness durch den Ort, während der nahe gelegene Flugplatz während des Krieges zu einem wichtigen Teil des Dorflebens wurde. Mein Vater wurde nicht zum Kriegsdienst eingezogen, weil er Maurer- und Verputzermeister war und seine Fähigkeiten auf dem Luftwaffenstützpunkt gebraucht wurden. Außerdem diente er mit Stolz in der Home Guard und tat alles, was er konnte, für sein Land.
Wie bei so vielen Kindern fand der Krieg sogar seinen Weg in meine Träume. Ich erinnere mich noch an einen Albtraum, in dem deutsche Soldaten zu unserem Haus kamen und eine meiner Schwestern mitnahmen. Es war nur ein Traum, aber für ein kleines Mädchen, das in Kriegszeiten lebte, fühlte er sich erschreckend real an.
Dann, eines Tages, war der Krieg vorbei.
Ich war zwölf Jahre alt, als endlich Frieden kam, und die Feierlichkeiten werde ich niemals vergessen. Nach Jahren voller Sorgen wurde der Festschmuck hervorgeholt, Musik erfüllte die Luft, und Kinder aus den umliegenden Dörfern kamen zusammen zu dem, was sich für uns wie die größte Feier der Welt anfühlte. Wenn ich heute zurückblicke, wird mir bewusst, dass wir nicht einfach nur den Sieg feierten. Wir feierten, dass Familien überlebt hatten und dass es endlich Hoffnung auf eine andere Zukunft gab.
Diese schwierigen Jahre lehrten mich etwas, das mich mein ganzes Leben lang begleitet hat: Nimm Freundlichkeit, Frieden und Chancen niemals als selbstverständlich hin.
Meine Eltern hatten nie viel Geld, besonders in den Jahren nach dem Krieg, aber sie glaubten daran, dass Bildung etwas ist, das einem niemand jemals nehmen kann. Ihr Glaube an das Lernen wurde auch zu meinem. Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr besuchte ich das Gymnasium in Spilsby, und schon als junges Mädchen wusste ich ganz genau, was ich einmal werden wollte. Ich wollte Lehrerin werden.
Als ich mit zweiundzwanzig meine Ausbildung abschloss, begann ich nicht einfach nur einen Beruf. Ich hatte meine Berufung gefunden.
Den größten Teil meines Berufslebens verbrachte ich an der Seathorne School in Skegness, wo ich schließlich stellvertretende Schulleiterin wurde. Beim Unterrichten ging es für mich nie nur um Unterrichtsstunden oder Klassenzimmer. Es ging darum, Kindern zu helfen, an sich selbst zu glauben. Jedes Kind verdiente Ermutigung, Geduld und Freundlichkeit, und ich habe immer versucht, ihnen alle drei mitzugeben.
Im Laufe der Jahre habe ich Tausende von Kindern unterrichtet, und selbst heute sprechen mich ehemalige Schülerinnen und Schüler noch auf der Straße an. Manche sind inzwischen selbst Großeltern, und trotzdem erinnern sie sich noch daran, in meinem Klassenzimmer gesessen zu haben. Wenn jemand lächelt und sagt: „Mrs Clayton, Sie waren meine Lieblingslehrerin“, bedeutet mir das mehr, als ich in Worte fassen könnte. Wenn ich in dieser Welt irgendeine Spur hinterlassen habe, dann hoffe ich, dass sie in den Kindern weiterlebt, deren Leben ich ein Stück weit begleiten durfte.
Am Neujahrstag 1955 heiratete ich meinen wunderbaren Mann Den. Er hatte bei den Grenadier Guards gedient und sah an unserem Hochzeitstag in seiner Uniform so gut aus. Gemeinsam ließen wir uns in Skegness nieder, und obwohl ich mich nie sehr weit von meinem Geburtsort entfernt hatte, wusste ich, dass ich genau dort war, wo ich hingehörte.
Mit fünfundfünfzig Jahren wegen Angstzuständen aus dem Schuldienst auszuscheiden, war eine der schwierigsten Entscheidungen, die ich jemals treffen musste. Das Unterrichten war ein so großer Teil meines Lebens gewesen, dass ich mir kaum vorstellen konnte, wer ich ohne das Klassenzimmer, die Kinder und den Alltag sein würde, der so viele Jahre meines Lebens geprägt hatte. Doch so schwierig dieser Übergang auch war, der Ruhestand brachte auch neue Erfahrungen und Abenteuer mit sich.
Ich hatte das große Glück, zweimal unsere Partnerstadt Bad Gandersheim in Deutschland besuchen zu können und dabei in den frühen Jahren der Städtepartnerschaft Gruppen von Schulkindern zu begleiten. Diese Reisen verbanden zwei Dinge, die mir sehr am Herzen lagen: Bildung und jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, etwas außerhalb ihrer bereits vertrauten Welt kennenzulernen. Zu erleben, wie die Kinder eine andere Kultur entdeckten, Freundschaften schlossen und ihren Horizont erweiterten, war eine große Freude, und diese Reisen gehören bis heute zu meinen schönsten Erinnerungen.
Ich würde Bad Gandersheim sehr gerne noch einmal besuchen, doch mit vierundneunzig Jahren musste ich akzeptieren, dass das Leben inzwischen etwas gemächlicher geworden ist. Zwei Stürze im vergangenen Jahr führten dazu, dass ich ins Krankenhaus musste, und ich bin einfach nicht mehr so beweglich wie früher. Aber die Erinnerungen an meine Besuche sind geblieben, und es ist schön zu wissen, dass die Freundschaft zwischen unseren beiden Städten all diese Jahre überdauert hat.
Auch außerhalb des Klassenzimmers hatte die Kunst immer einen besonderen Platz in meinem Herzen. Ich war Mitglied bei den Skegness Playgoers und in örtlichen Kunstgruppen, und auch selbst auf der Bühne zu stehen machte mir große Freude. Das Theater hat eine wunderbare Art, Menschen zusammenzubringen, ganz gleich, ob man auf der Bühne steht, hinter den Kulissen arbeitet oder im Publikum sitzt. Ich habe es geliebt, Teil dieser Welt zu sein.
Als Den 2007 starb, veränderte sich mein Leben für immer. Den Menschen zu verlieren, mit dem man so viel von seinem Leben geteilt hat, hinterlässt eine Lücke, die sich nicht einfach schließen lässt. Es war eine unglaublich schwere Zeit, aber ich hatte das große Glück, wunderbare Freunde an meiner Seite zu haben, die mir durch diese einsamen Tage halfen. Ihre Freundschaft erinnerte mich an etwas, das ich während meiner gesamten Laufbahn auch den Kindern vermitteln wollte: Freundlichkeit kann viele verschiedene Formen annehmen, und manchmal begegnet sie einem genau dann, wenn man sie am dringendsten braucht.
Ich habe erlebt, wie sich Skegness im Laufe der Jahre enorm verändert hat. Diese Stadt hat mir ein wunderbares Leben geschenkt, und ich werde sie immer lieben, auch wenn ich manchmal das Skegness vermisse, das ich früher kannte. Die Theater waren gut besucht, die Menschen machten sich für einen Abend schick, es gab Bowlingplätze, ein lebendiges Jugendtheater und ein echtes Gefühl dafür, dass Kunst und Kultur allen gehörten. Die Stadt war auf eine andere Art lebendig. Es waren besondere Zeiten, und ich bewahre diese Erinnerungen wie einen Schatz.
Aber vielleicht gehört genau das einfach zum Älterwerden. Man sieht, wie sich Orte verändern, genauso wie man erlebt, wie sich Menschen verändern. Gebäude verschwinden, neue entstehen, und Generationen kommen und gehen. Was bleibt, sind die Erinnerungen und die Menschen, mit denen man sie geteilt hat.
Manchmal werde ich gefragt, ob ich etwas bereue. Die Wahrheit ist: Nein. Ich habe Krieg und Frieden erlebt. Ich habe gesehen, wie sich die Welt bis zur Unkenntlichkeit verändert hat. Ich hatte das Privileg, Generationen von Kindern zu unterrichten, bin mit jungen Menschen nach Deutschland gereist, habe geliebt und wurde geliebt und war Teil einer Gemeinschaft, die fast mein gesamtes Leben geprägt hat.
Wenn ich darüber nachdenke, was wirklich zählt, denke ich nicht an Erfolge oder Titel. Ich denke an Menschen. Ich denke an die Kinder, die einst in meinem Klassenzimmer saßen, an die Freunde, die an meiner Seite standen, an meine Brüder und Schwestern und an den Mann, der sein Leben mit mir geteilt hat. Das sind die Dinge, die zählen, wenn man auf mehr als neunzig Lebensjahre zurückblickt.
Und es gibt einen einfachen Grundsatz, den ich mit mir trage, solange ich denken kann: Behandle andere Menschen so, wie du selbst behandelt werden möchtest.
Wenn ich irgendwo auf meinem Weg auch nur einem einzigen Kind geholfen habe, zu einem freundlicheren Menschen heranzuwachsen, dann glaube ich, dass ich ein gutes Leben geführt habe. Und wenn etwas von mir bleibt, dann hoffe ich, dass es nicht nur Erinnerungen sind. Ich hoffe, es ist Freundlichkeit.
Schau hin. Hör zu. Lerne.
Und vor allem … sei freundlich.
🇬🇧 Molly Clayton (b. 1932)
I was only seven years old when the Second World War began, yet even now, all these years later, some memories remain as clear as if they happened yesterday.
I can still remember the sound of the aircraft overhead from RAF Spilsby, just beyond our village of Firsby. I remember crying when one of the planes, affectionately known as “Freddie”, didn’t return. I remember the terrible explosion at the airfield that claimed so many lives, not through enemy action but in a tragic accident involving munitions. And I remember the fear. It was a fear that every family lived with.
We had a large map of the world hanging on the wall at home, and my father would place little flags wherever members of our family were serving. Every knock at the door could make people’s hearts sink. In those days, everyone dreaded seeing the telegram boy. Those memories have never left me.
I was born in 1932 in Burgh le Marsh, just a few miles from Skegness. My grandma lived in Skegness, so the town was already a familiar place long before I eventually made it my home. I was the eldest of nine children born to my parents, John and Eva, and being the oldest taught me responsibility from an early age. Looking after my brothers and sisters simply became part of who I was.
When we moved to Firsby, the village was alive with railway traffic. Holidaymakers passed through on their way to Skegness, while the nearby airfield became an important part of village life during the war. My father wasn’t called up to fight because he was a master plasterer and his skills were needed at the airbase. He also served proudly in the Home Guard, doing everything he could for the country.
Like so many children, the war even found its way into my dreams. I still remember one nightmare in which German soldiers came to our house and took one of my sisters away. It was only a dream, but to a little girl living through wartime it felt terrifyingly real.
Then, one day, the war was over.
I was twelve years old when peace finally came, and I shall never forget the celebrations. After years of worry, the bunting came out, music filled the air and children from neighbouring villages gathered together for what felt like the biggest party in the world. Looking back now, I realise it wasn’t simply a celebration of victory. It was a celebration that families had survived and that, at last, there was hope of a different future.
Those difficult years taught me something that stayed with me for the rest of my life: never take kindness, peace or opportunity for granted.
My parents never had much money, especially after the war, but they believed that education was something nobody could ever take away from you. Their faith in learning became my own. I attended the grammar school in Spilsby until I was eighteen, and from a young age I knew exactly what I wanted to be. I wanted to be a teacher.
When I qualified at twenty-two, I wasn’t simply starting a career. I had found my calling.
Most of my working life was spent at Seathorne School in Skegness, where I eventually became Deputy Head. Teaching was never just about lessons or classrooms for me. It was about helping children believe in themselves. Every child deserved encouragement, patience and kindness, and I always tried to give them all three.
Over the years I taught thousands of children, and even today former pupils still stop me in the street. Some are grandparents themselves now, yet they still remember being in my classroom. When someone smiles and says, “Mrs Clayton, you were my favourite teacher,” it means more than I could ever put into words. If I’ve left any mark on the world, I hope it is through the children whose lives I was privileged to be part of.
On New Year’s Day in 1955, I married my wonderful husband, Den. He had served as a Grenadier Guard and looked so handsome in his uniform on our wedding day. We settled in Skegness together, and although I had never moved very far from where I was born, I knew I was exactly where I belonged.
Retiring from teaching at fifty-five because of anxiety was one of the hardest decisions I ever had to make. Teaching had been such a huge part of my life that I struggled to imagine who I would be without the classroom, the children and the routine that had shaped so many years of my life. But retirement, difficult as that transition was, also brought new experiences and adventures.
I was fortunate enough to travel twice to our twin town of Bad Gandersheim in Germany, accompanying groups of schoolchildren during the early years of the twinning partnership. Those visits combined two things that mattered greatly to me: education and giving young people opportunities to experience something beyond the world they already knew. Watching the children discover another culture, make friendships and broaden their horizons was a joy, and those trips remain among my happiest memories.
I would dearly love to visit Bad Gandersheim again, but at ninety-four years old I have had to accept that life moves at a gentler pace. Two falls in the past year have left me in hospital, and I am simply not as mobile as I once was. But I still have those memories of being there, and it is rather lovely to know that the friendship between our two towns has continued through all these years.
Outside the classroom, the arts have always held a special place in my heart. I was a member of the Skegness Playgoers and local art groups, and I even enjoyed acting myself. Theatre has a wonderful way of bringing people together, whether you are on the stage, behind the scenes or sitting in the audience, and I loved being part of that world.
When Den passed away in 2007, life changed forever. Losing the person with whom you have shared so much of your life leaves a space that cannot simply be filled. It was incredibly difficult, but I was blessed with wonderful friends who stood beside me and helped me through those lonely days. Their friendship reminded me of something I had tried to teach children throughout my career: kindness can appear in many different forms, and sometimes it arrives exactly when you need it most.
I have watched Skegness change enormously over the years. It has given me a wonderful life, and I will always love this town, although I do sometimes miss the Skegness I first knew. The theatres were busy, people dressed up for an evening out, there were bowling greens, a thriving youth theatre and a real sense that the arts belonged to everyone. The town felt alive in a different way. They were special days, and I treasure those memories.
But perhaps that is simply part of growing older. You watch places change just as you watch people change. Buildings disappear, new ones arrive and generations come and go. What remains are the memories and the people who shared them with you.
People sometimes ask whether I have any regrets. The truth is, I don’t. I have lived through war and peace. I have seen the world change beyond recognition. I have had the privilege of teaching generations of children, travelled with young people to Germany, loved and been loved, and been part of a community that has shaped almost my entire life.
When I think about what really matters, I don’t think about achievements or titles. I think about people. I think about the children who once sat in my classroom, the friends who stood beside me, my brothers and sisters, and the husband who shared my life. Those are the things that matter when you look back across more than ninety years.
And there is one simple belief I have carried with me for as long as I can remember: treat other people as you would wish to be treated yourself.
If, somewhere along the way, I helped even one child grow into a kinder person, then I think I have lived a good life. So if I leave anything behind, I hope it isn’t simply memories. I hope it is kindness.
Look. Listen. Learn.
And above all… be kind.