🇩🇪 Nicole Bunyan (geb. 1987)
Ich wurde 1987 in Stevenage geboren, einer größeren Stadt unweit von London, und bis zum vergangenen Jahr hatte ich dort fast mein gesamtes Leben verbracht. Viele meiner Freunde lebten in London, deshalb war ich als junge Frau oft in der Hauptstadt. Es gab Abende zum Ausgehen, Partys und all die Aufregung, die damit verbunden war, so nah an einer riesigen Stadt zu leben. Das war die Welt, die ich kannte, und viele Jahre lang konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben.
Doch etwas anderes gehörte schon seit meiner Kindheit zu meinem Leben. Ich habe Epilepsie.
Während ich aufwuchs, beeinflusste die Krankheit weit mehr als nur meine Gesundheit. Ich verbrachte viel Zeit im Great Ormond Street Hospital, obwohl ich eigentlich in einem Klassenzimmer hätte sitzen sollen. Arzttermine, Untersuchungen und die Krankheit selbst führten dazu, dass ich so viel Unterricht verpasste, dass ich die Schule schließlich ohne Abschluss verließ. Wenn man jung ist, versteht man nicht unbedingt, wie sehr etwas die eigene Zukunft prägt. Man merkt nur, dass andere Kinder scheinbar ganz normal mit ihrem Leben weitermachen können, während das eigene immer wieder unterbrochen wird.
Später hatte ich viele verschiedene Jobs und fand meinen eigenen Weg durchs Leben, aber die Epilepsie war immer da. Wenn man mit epileptischen Anfällen lebt, gibt es eine Unsicherheit, die andere Menschen nicht unbedingt sehen. Man kann einen ganz gewöhnlichen Tag verbringen, sich mit jemandem unterhalten, arbeiten oder mit Freunden unterwegs sein, während irgendwo im Hinterkopf immer das Wissen bleibt, dass jederzeit der nächste Anfall kommen könnte.
Jahrelang mit dieser Unsicherheit zu leben, hinterließ schließlich seine Spuren. In meinen frühen Zwanzigern litt ich unter Depressionen. Ich sah, wie andere Menschen ihr Leben lebten, und fragte mich manchmal, warum etwas so Einfaches wie sich normal zu fühlen für mich so schwierig schien. Ich wollte die Freiheit haben, zu leben, ohne dass meine Krankheit ständig mitbestimmte, was ich tun konnte und was nicht.
Erst Anfang dreißig gelang es schließlich, meine Anfälle mit Medikamenten unter Kontrolle zu bringen. Zum ersten Mal seit Jahren begann ich mich frei zu fühlen. Ich begann mich normal zu fühlen.
Für jemanden, der diese Dinge immer als selbstverständlich erlebt hat, mag das vielleicht nicht außergewöhnlich klingen, aber für mich war es etwas Riesiges. Nachdem die Epilepsie so viele Jahre lang einen großen Teil meines Lebens bestimmt hatte, hatte ich endlich das Gefühl, wieder etwas Kontrolle zurückzugewinnen. Ich konnte anfangen, über mein Leben nachzudenken, ohne mich ständig fragen zu müssen, wann der nächste Anfall kommen würde.
Dann wurde das Leben auf eine andere Weise schwierig.
Ich hatte lange Zeit in einer kontrollierenden Beziehung gelebt, die schließlich sehr schlimm wurde. Als sie endete, musste ich einfach weg. Ich brauchte nichts Besonderes und suchte auch nicht nach einem perfekten neuen Leben. Ich brauchte lediglich einen Ort, an dem ich meinen Kopf frei bekommen, durchatmen und Abstand zwischen mich und all das bringen konnte, was geschehen war.
Meine Patentante, die ich schon immer einfach meine Tante genannt habe, lebte in Skegness. Sie verstand diesen Wunsch nach einem Neuanfang, denn sie war selbst an die Küste gezogen, nachdem sie einer missbräuchlichen Beziehung entkommen war. Es war beruhigend zu wissen, dass ich an einen Ort gehen konnte, an dem mich jemand verstand, ohne dass ich alles erklären musste.
Bis dahin war ich noch nie in Skegness gewesen.
Ich beschloss, sie für ein paar Wochen zu besuchen. Mehr sollte es eigentlich nicht sein: ein Urlaub, ein Tapetenwechsel und die Möglichkeit, meinen Kopf frei zu bekommen, bevor ich entschied, wie es weitergehen sollte. Ich fuhr ganz bestimmt nicht dorthin mit dem Gedanken, dass ich gerade dabei war, ein neues Zuhause zu finden.
Aber ich verliebte mich in diesen Ort.
Vielleicht lag es daran, dass Skegness so anders war als alles, was ich bisher gekannt hatte. Fast mein gesamtes Leben hatte ich in einer großen Stadt verbracht, und London war nie weit entfernt gewesen. Plötzlich war da all diese Weite. Da waren die Küste, die frische Luft, der riesige Himmel und natürlich das Meer. Alles fühlte sich offener an.
Meine Tante konnte sehen, wie sehr mir das guttat. Sie sagte mir, ein Umzug nach Skegness wäre gut für meine seelische Verfassung. Ich müsse weg, sagte sie, und das Chaos zu Hause hinter mir lassen.
Sie hatte recht, also traf ich die Entscheidung umzuziehen.
Es gab keinen großen Plan. Ich kam nicht mit einem Umzugswagen voller Möbel und Kartons. Ich packte mein Leben in drei Koffer und eine Erinnerungskiste. Das war so ziemlich alles, was ich besaß.
Tatsächlich brauchte ich zwei Zugfahrten, um alles nach Skegness zu bringen. Die Koffer zu schleppen war harte Arbeit, und zum Glück gab es Menschen, die mir halfen, sie in die Züge hinein- und wieder herauszubekommen. Für jemanden, der mich dabei beobachtete, sah es wahrscheinlich nicht nach dem Beginn eines völlig neuen Lebens aus. Es war einfach nur eine Frau im Zug, die mit viel zu viel Gepäck kämpfte.
Aber für mich war es genau das.
Wenn ich heute an diese drei Koffer und die Erinnerungskiste denke, bedeuten sie für mich viel mehr als nur Gepäck. Mein altes und mein neues Leben waren darin zusammengepackt. Alles, was mir wichtig genug erschien, um es mitzunehmen, musste darin Platz finden. Ich ließ den Ort hinter mir, an dem ich fast mein gesamtes Leben verbracht hatte, und fuhr einem Ort entgegen, den ich gerade erst entdeckt hatte.
Die Erinnerungskiste war mir besonders wichtig, denn man kann einen Ort hinter sich lassen, aber man löscht nicht einfach alles aus, was davor gewesen ist. Es gab weiterhin Menschen, Momente und Teile meines Lebens, die mir etwas bedeuteten. Neu anzufangen hieß nicht, so zu tun, als wäre die Vergangenheit nie geschehen. Es bedeutete, zu entscheiden, dass die Vergangenheit nicht alles bestimmen würde, was als Nächstes geschah.
Ich wusste nicht genau, was mich in Skegness erwartete. Ich wusste nur, dass ich gehen musste.
Und es war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe.
Ich habe hier gute Freunde gefunden, und die Menschen waren freundlich und haben mich willkommen geheißen. Meine Epilepsie ist weiterhin unter Kontrolle, und wahrscheinlich am wichtigsten ist, dass es mir seelisch gut geht. In meinem Leben herrscht heute eine Ruhe, die ich früher, glaube ich, nicht kannte.
Zurückziehen würde ich auf keinen Fall.
Nachdem ich den größten Teil meines Lebens in einer großen Stadt verbracht hatte, hat das Leben am Meer etwas in mir verändert. Ich liebe die frische Seeluft und dieses Gefühl von Weite um mich herum. Manchmal glaube ich, dass man gar nicht merkt, wie sehr man Raum braucht, bis man ihn endlich hat. Es hat etwas Besonderes, zum Meer gehen und den Horizont vor sich sehen zu können. Es hilft mir, die Dinge wieder in die richtige Perspektive zu rücken.
So lange in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass etwas anderes die Entscheidungen für mich traf. Die Epilepsie entschied darüber, ob ich in der Schule sein konnte. Die Anfälle schränkten ein, was ich tun konnte. Die Depressionen beeinflussten, wie ich mich selbst und die Welt um mich herum sah. Später gab mir eine kontrollierende Beziehung auf eine andere Art das Gefühl, gefangen zu sein.
Der Umzug nach Skegness war anders. Das war meine Entscheidung.
Vielleicht bedeutet er mir gerade deshalb so viel. Ich entschied mich, diese Koffer zu packen. Ich entschied mich, in diese Züge zu steigen. Ich entschied mich, einen vertrauten Ort für einen Ort zu verlassen, von dessen Existenz ich kurz zuvor kaum etwas gewusst hatte. Zum ersten Mal wurde die Richtung, in die mein Leben ging, nicht von einer Krankheit, einem anderen Menschen oder Umständen bestimmt, auf die ich keinen Einfluss hatte. Ich bestimmte sie selbst.
Ich kam mit drei Koffern, einer Erinnerungskiste und fast allem, was ich besaß, hierher. Ich weiß nicht, ob ich vor meinem alten Leben davonlief oder auf ein neues zuging. Vielleicht war es ein bisschen von beidem. Was ich aber weiß, ist, dass ich nie zurückgeblickt habe.
Ich habe das Gefühl, mein Leben zurückbekommen zu haben. Ich schaue nicht mehr zurück. Ich schaue nach vorn.
Nachdem ich so viel von meinem Leben damit verbracht habe, mich durch das eine oder andere gefangen zu fühlen, fühle ich mich endlich frei.
Und jetzt habe ich das Meer.
🇬🇧 Nicole Bunyan (b. 1987)
I was born in Stevenage in 1987, a large town just outside London, and until last year it was where I had spent almost my entire life. A lot of my friends lived in London, so when I was younger I spent plenty of time in the capital. There were nights out, parties and all the excitement that came with being close to such a huge city. It was the world I knew, and for many years I never really imagined living anywhere else.
But there was something that had been part of my life since childhood. I have epilepsy.
Growing up, it affected far more than my health. I spent a lot of time at Great Ormond Street Hospital when I should have been sitting in a classroom. Appointments, tests and the illness itself meant that I missed so much school that eventually I left without qualifications. When you're young, you don't necessarily understand how much something like that is shaping your future. You just know that other children seem able to get on with ordinary life while yours keeps being interrupted.
I went on to have lots of different jobs and found my own way through life, but epilepsy was always there. When you live with seizures, there is an uncertainty that other people don't necessarily see. You can be getting on with an ordinary day, talking to somebody, working or going somewhere with friends, while somewhere in the back of your mind is the knowledge that another seizure could happen.
Living with that uncertainty for years eventually took its toll. Through my early twenties I struggled with depression. I watched other people getting on with their lives and sometimes wondered why something as simple as feeling normal seemed so difficult for me. I wanted the freedom to live without my illness always having a say in what I could and couldn't do.
It wasn't until my early thirties that the medication finally brought my seizures under control. For the first time in years, I began to feel free. I began to feel normal.
That might not sound extraordinary to somebody who has always had those things, but to me it was enormous. After years of epilepsy dominating so much of my life, I finally felt that I was getting some control back. I could begin thinking about life without constantly wondering when the next seizure might come.
Then life became difficult in a different way.
I had been in a long-term controlling relationship which eventually turned very sour. By the time it ended, I desperately needed to get away. I didn't need anything glamorous and I wasn't looking for some perfect new life. I simply needed somewhere I could clear my head, breathe and put some distance between myself and everything that had happened.
My godmother, who I have always called my aunty, lived in Skegness. She understood that need to start again because she had moved to the coast herself after escaping an abusive relationship. There was something reassuring about knowing I could go somewhere where somebody understood without me having to explain everything.
Until then, I had never even been to Skegness.
I decided to visit her for a couple of weeks. That was all it was supposed to be: a holiday, a change of scenery and a chance to get my head together before deciding what came next. I certainly wasn't travelling there thinking I was about to find a new home.
But I fell in love with the place.
Maybe it was because Skegness was so different from everything I had known. I had spent almost all my life in a large town, with London never far away. Suddenly there was all this space. There was the coastline, the fresh air, the huge sky and, of course, the sea. Everything seemed more open.
My aunty could see the difference it was making to me. She told me that moving to Skegness would be good for my sanity. I needed to escape, she said, and leave the mess back home behind me.
She was right, so I made the decision to move.
There wasn't a grand plan. I didn't arrive with a removal van full of furniture and boxes. I packed my life into three suitcases and a memory box. That was pretty much everything I owned.
It actually took me two journeys by train to get everything to Skegness. Carrying those cases was hard work, and thankfully there were people there who helped me get them on and off the trains. It probably didn't look like the beginning of a completely new life to anybody watching. It was just a woman on a train struggling with too much luggage.
But to me, that was exactly what it was.
When I think about those three suitcases and that memory box now, they mean much more than luggage. They were my old life and my new life packed together. Everything I thought important enough to bring with me had to fit inside them. I was leaving behind the place where I had spent almost my entire life and travelling towards somewhere I had only just discovered.
The memory box mattered particularly because you can leave a place behind, but you don't simply erase everything that came before it. There were still people, moments and parts of my life that mattered to me. Starting again wasn't about pretending the past hadn't happened. It was about deciding that the past wasn't going to decide everything that happened next.
I didn't know exactly what was waiting for me in Skegness. I just knew I needed to go.
And it was one of the best decisions I've ever made.
I've made good friends here, and people have been welcoming and friendly. My epilepsy remains under control and, probably most importantly of all, my head feels good. There is a calmness in my life now that I don't think I had before.
I definitely wouldn't move back.
After spending most of my life in a large town, living beside the sea has changed something in me. I love the fresh sea air and that feeling of openness around me. Sometimes I think you don't realise how much you need space until you finally have it. There is something about being able to walk towards the sea and see that horizon in front of you that puts things into perspective.
For so much of my life, something else seemed to be making decisions for me. Epilepsy decided whether I could be at school. Seizures restricted what I could do. Depression affected how I saw myself and the world around me. Later, a controlling relationship made me feel trapped in another way.
Moving to Skegness was different. That was my decision.
Perhaps that is why it means so much to me. I chose to pack those suitcases. I chose to get on those trains. I chose to leave somewhere familiar for a place I'd barely known existed. For once, the direction my life was taking wasn't being decided by an illness, another person or circumstances beyond my control. It was being decided by me.
I came here with three suitcases, a memory box and almost everything I owned. I don't know whether I was running away from my old life or towards a new one. Perhaps it was a bit of both. What I do know is that I haven't looked back.
I feel like I've got my life back. I'm not looking backwards anymore. I'm looking forward.
After spending so much of my life feeling trapped by one thing or another, I finally feel free.
And now I have the sea.