🇩🇪 Pauline Thornley (geb. 1946)
Ich wurde 1946 geboren und wuchs in der flachen, offenen Landschaft der Fens in Lincolnshire auf, wo man kilometerweit sehen kann und der Wind immer aus irgendeiner Richtung zu wehen scheint. Es war eine ganz andere Kindheit als die, die viele Kinder heute erleben, und einen großen Teil davon verbrachte ich draußen.
Einige meiner schönsten frühen Erinnerungen sind die Angelausflüge mit meinem Vater rund um Skegness. Wir angelten vom Strand aus nach Kabeljau, gingen in die schlammigen Wasserläufe, um Plattfische zu fangen, und sammelten Queller. Ich erinnere mich noch gut an Spaziergänge und Picknicks am Gibraltar Point, lange bevor das Gebiet zu dem Naturschutzgebiet wurde, das die Menschen heute kennen. Damals hielt ich all das natürlich nicht für etwas Besonderes. Es war einfach die Gegend, in der ich aufwuchs, und das, was wir taten. Wenn ich heute zurückblicke, wird mir bewusst, wie sehr mich diese frühen Jahre geprägt haben.
Mein Großvater wusste unglaublich viel über die Natur und brachte mir vieles über Pilze, Pflanzen und all das bei, was um uns herum wuchs. Ich lernte, dass die Natur Nahrung liefern kann, wenn man weiß, wonach man sucht, aber auch, dass man sie respektieren muss, weil nicht alles ungefährlich ist. Dieses Wissen blieb mir erhalten, und im Laufe der Jahre wurde ich selbst zu einer begeisterten Sammlerin von Wildpflanzen und Pilzen.
Ich besuchte zunächst die William Lovell School in Stickney und später die Lumley School in Skegness, wo ich Stenografie und Maschinenschreiben lernte. Doch eine meiner deutlichsten Erinnerungen an diese Zeit hat überhaupt nichts mit dem zu tun, was ich dort lernte.
Es war die Art, wie ich sprach.
Ich hatte einen ausgeprägten Lincolnshire-Dialekt, und andere machten sich darüber lustig. Wenn man jung ist, kann es einen sehr verunsichern, wenn andere über etwas lachen, das einen von ihnen unterscheidet. Also begann ich, meine Art zu sprechen zu verändern. Ich ließ bestimmte Wörter weg und schwächte meinen Akzent ab, weil ich dazugehören wollte. Dann kam ich nach Hause und bekam zu hören, ich würde plötzlich „vornehm reden“. Ich konnte es offenbar niemandem recht machen.
Heute mag das wie eine Kleinigkeit erscheinen, aber damals lernte ich dadurch etwas Wichtiges. Die Art, wie wir sprechen, gehört zu unserer Herkunft. Ohne wirklich zu bemerken, was ich tat, hatte ich begonnen, einen Teil von mir selbst zu verändern, weil ich glaubte, dass andere Menschen es von mir erwarteten. Vielleicht wurden Worte gerade deshalb so wichtig für mich.
Ich begann zu schreiben. Zunächst nur für mich selbst, kleine Fragmente und Gedanken, Dinge, die ich leichter zu Papier bringen konnte, als sie laut auszusprechen. Mit der Zeit wurden aus manchen dieser Worte Gedichte. Die Natur fand oft ihren Weg in das, was ich schrieb, weil sie etwas war, das ich verstand. Der Landschaft war es gleichgültig, welchen Akzent ich hatte oder ob ich die richtigen Worte benutzte. Sie war einfach da.
Auch das Wandern wurde für mich wichtig. Die Dünen, die Marschlandschaft und die offenen Flächen gaben mir einen Ort zum Nachdenken und zum Durchatmen. Beim Sammeln von Wildpflanzen ging es mir nicht einfach nur darum, etwas Essbares zu finden. Es hielt mich mit dem verbunden, was mein Großvater mir beigebracht hatte, und mit der Landschaft meiner Kindheit.
1967 heiratete ich Chris. Auch er wurde Teil dieser Welt und ging manchmal mit meinem Vater zum Kabeljauangeln an den Strand. Damals schien es reichlich Kabeljau zu geben, doch seitdem hat sich vieles verändert. Heute gibt es weniger Kabeljau und dafür mehr Wolfsbarsch. Wenn man eine Küste fast sein ganzes Leben lang kennt, bemerkt man solche Veränderungen.
Die Arbeit führte Chris und mich schließlich fort aus Lincolnshire, und wir verbrachten etwa zehn Jahre in den West Midlands. Ich ließ mich zur Tutorin ausbilden und begann, Englisch als Zweitsprache zu unterrichten. Dadurch eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Ich begegnete Menschen aus vielen verschiedenen Ländern und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, die alle versuchten, sich an einem für sie fremden Ort ein neues Leben aufzubauen. Manche waren selbstbewusst, andere hatten große Angst davor, Fehler zu machen. Als Erwachsener eine neue Sprache zu lernen ist nicht einfach, besonders wenn man gleichzeitig versucht, ein neues Land und eine andere Kultur zu verstehen.
Vielleicht konnte ich gerade deshalb, weil ich mich noch daran erinnerte, wie unsicher ich wegen meiner eigenen Art zu sprechen gewesen war, ein wenig nachvollziehen, wie verletzlich man sich durch Sprache fühlen kann. Ich wollte, dass meine Schülerinnen und Schüler den Mut hatten zu sprechen, auch wenn nicht jedes Wort perfekt war.
Das Leben in Sutton Coldfield und Birmingham war ganz anders als an der Küste von Lincolnshire, aber ich fand auch dort Orte, an denen ich der Natur nahe sein konnte. Besonders der Sutton Park wurde für mich wichtig. Ich ging spazieren, schrieb weiter und stellte fest, dass ich, egal wo ich lebte, immer irgendeine Form von Weite und Natur um mich herum brauchte.
1998 kehrten Chris und ich nach Lincolnshire zurück und stellten uns einer völlig neuen Herausforderung. Wir kauften das Sandgate Hotel in Skegness. In den folgenden siebzehn Saisons drehte sich unser Leben um den Betrieb unseres Gästehauses. Jeder, der einmal im Gastgewerbe gearbeitet hat, weiß, dass es kein einfaches Leben ist. Es gibt frühe Morgenstunden, lange Tage, unzählige Aufgaben und immer noch etwas, das erledigt werden muss. Aber es gibt auch die Menschen, und das war der Teil, den ich besonders mochte.
Familien kamen Jahr für Jahr wieder. Aus Gästen, die zunächst Fremde waren, wurden vertraute Gesichter, und manche wurden zu Freunden. Man wurde Teil des Urlaubs dieser Menschen und auf eine kleine Weise auch Teil ihrer Erinnerungen an Skegness.
In diesen Jahren begann ich außerdem wieder, ESOL-Kurse über meine ehemalige Schule zu geben, die inzwischen The Earl of Scarborough hieß. Darin lag für mich etwas sehr Schönes. Einst war ich dort Schülerin gewesen, hatte Stenografie und Maschinenschreiben gelernt und mir Sorgen über meine eigene Lincolnshire-Sprechweise gemacht. Jahre später war ich zurück und half anderen Menschen dabei, in einer Sprache, die nicht ihre Muttersprache war, Selbstvertrauen zu entwickeln.
Als mein Vater starb, widmete ich mich noch stärker dem Hotel. Nach siebzehn Saisons gingen Chris und ich schließlich 2016 in den Ruhestand. Ich dachte, damit würde vielleicht auch meine Zeit als Lehrerin enden, aber so kam es nicht.
Später gab ich mehr als einhundert Kurse für iranische Christen in der Storehouse Church und half Menschen dabei, in einem neuen Land und einer neuen Sprache Fuß zu fassen. Viele von ihnen hatten eine sehr viel weitere Reise hinter sich als ich jemals und Erfahrungen gemacht, die sich stark von meinen eigenen unterschieden. Im Unterricht ging es jedoch vor allem darum, ihnen Sicherheit beim Kommunizieren zu geben und ihnen zu helfen, sich ein wenig weniger verloren zu fühlen. Ihre Entschlossenheit ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.
Wenn ich heute zurückblicke, finde ich es bemerkenswert, wie sehr Sprache mein ganzes Leben begleitet hat. Als junge Frau veränderte ich meine eigene Stimme, weil mir mein Lincolnshire-Dialekt peinlich war. Später fand ich durch die Poesie eine andere Stimme. Und schließlich verbrachte ich viele Jahre damit, Menschen aus aller Welt dabei zu helfen, Selbstvertrauen beim Sprechen der englischen Sprache zu gewinnen.
Vielleicht war nichts davon geplant. Während man sein Leben lebt, erkennt man nur selten, wie die einzelnen Punkte miteinander verbunden sind. Das Muster sieht man oft erst, wenn man zurückblickt.
Chris starb 2023. Nachdem wir so viele Jahre miteinander verbracht hatten, veränderte sein Tod alles. Es gibt Dinge, die man ganz selbstverständlich mit einem anderen Menschen teilt, ohne überhaupt darüber nachzudenken: alltägliche Gespräche, vertraute Gewohnheiten und Erinnerungen, die nur zwei Menschen wirklich vollständig verstehen. Wenn dieser Mensch nicht mehr da ist, sind es oft gerade diese alltäglichen Dinge, die man am meisten vermisst.
Ich habe noch immer die Landschaft, die mich fast mein ganzes Leben begleitet hat. Ich kann am Meer entlanggehen, durch die Dünen und an den Orten vorbei, die ich schon als Kind kannte. Ich kann noch immer Wildpflanzen sammeln, beobachten, was wächst, und mich an all das erinnern, was mein Großvater mir vor so vielen Jahren beigebracht hat.
Und ich schreibe noch immer.
Manchmal denke ich an das junge Mädchen zurück, das seine Art zu sprechen veränderte, weil andere über seinen Akzent lachten. Ich wünschte, ich könnte ihm sagen, dass Worte eines Tages zu einem der wichtigsten Bestandteile seines Lebens werden würden. Sie würden ihm ermöglichen zu unterrichten. Sie würden ihm ermöglichen zu schreiben. Und sie würden ihm helfen, seine eigene Stimme wiederzufinden.
Nach all diesen Jahren glaube ich, dass es sich vielleicht doch gelohnt hätte, diese Stimme aus Lincolnshire von Anfang an festzuhalten.
🇬🇧 Pauline Thornley (b. 1946)
I was born in 1946 and grew up in the flat, open Fens of Lincolnshire, where you can see for miles and the wind always seems to be blowing from somewhere. It was a very different childhood from the one many children have today, and so much of it was spent outdoors.
Some of my happiest early memories are of going fishing with my father around Skegness. We would fish for cod from the shore, go into the muddy creeks looking for flatfish and gather marsh samphire. I can still remember walks and picnics at Gibraltar Point, long before it became the Nature Reserve people know today. At the time, of course, I didn’t think of any of this as particularly special. It was simply where I grew up and what we did. Looking back, I realise how much those early years shaped me.
My grandfather knew an enormous amount about the natural world and taught me about fungi, plants and what could be found growing around us. I learned that nature could provide food if you knew what you were looking for, but also that you had to respect it because not everything was safe. That knowledge stayed with me, and over the years I became a keen forager myself.
I went to William Lovell School in Stickney and later to Lumley in Skegness, where I learned shorthand and typing. But one of the things I remember most clearly from those years has nothing to do with what I was studying.
It was the way I spoke.
I had a strong Lincolnshire dialect, and people laughed at it. When you’re young, being laughed at can make you very aware of anything that makes you different. So I started changing the way I spoke. I dropped certain words and softened my accent because I wanted to fit in. Then I’d go home and be told I was “talking posh”. I couldn’t seem to win.
It may sound like a small thing now, but it taught me something quite important. The way we speak is part of where we come from. Without really noticing what I was doing, I had begun changing part of myself because I thought that was what other people expected. Perhaps that’s one reason words became so important to me.
I began writing. At first it was private, little fragments and thoughts, things I found easier to put on paper than say aloud. Eventually some of those words became poems. Nature often found its way into what I wrote because it was something I understood. The landscape didn’t care about my accent or whether I used the right words. It was simply there.
Walking also became important to me. The dunes, marshes and open spaces gave me somewhere to think and somewhere to breathe. Foraging wasn’t simply about finding something edible. It kept me connected to what my grandfather had taught me and to the landscape of my childhood.
In 1967, I married Chris. He became part of that world too and would sometimes join my father fishing for cod from the beach. There seemed to be plenty of cod in those days, although things have changed considerably since then. There are fewer cod now and more sea bass. When you’ve known a coastline for most of your life, you notice those changes.
Work eventually took Chris and me away from Lincolnshire, and we spent around ten years in the West Midlands. I trained as a tutor and began teaching English as a Second Language. That opened another world to me. I met people from many different countries and backgrounds, each trying to make a life somewhere unfamiliar. Some were confident, while others were frightened of getting things wrong. Learning a language as an adult isn’t easy, particularly when you’re also trying to understand a new country and a different culture.
Perhaps because I remembered what it felt like to be self-conscious about the way I spoke, I understood something of how vulnerable language can make you feel. I wanted my students to have the confidence to speak, even if every word wasn’t perfect.
Living in Sutton Coldfield and Birmingham was very different from the Lincolnshire coast, but I found places where I could still be close to nature. Sutton Park became particularly important to me. I walked, continued writing and found that wherever I lived, I needed some kind of open space around me.
In 1998, Chris and I returned to Lincolnshire and took on an entirely different challenge. We bought the Sandgate Hotel in Skegness. For the next seventeen seasons, our lives revolved around running a guest house. Anyone who has worked in hospitality will know that it isn’t an easy life. There are early mornings, long days, endless jobs and always something else that needs doing. But there are also people, and that was the part I enjoyed.
Families returned year after year. Guests who arrived as strangers became familiar faces, and some became friends. You became part of people’s holidays and, in a small way, part of their memories of Skegness.
During those years, I also returned to teaching ESOL classes through my old school, which by then had become The Earl of Scarborough. There was something rather satisfying about that. I had once been a pupil learning shorthand and typing and worrying about my own Lincolnshire way of speaking. Years later, I was back helping other people find confidence in a language that wasn’t their first.
When my father died, I threw myself even more into the hotel. Eventually, after seventeen seasons, Chris and I retired in 2016. I thought perhaps that would be the end of teaching, but it wasn’t.
I later delivered more than one hundred classes for Iranian Christians at Storehouse Church, helping people who were finding their feet in a new country and a new language. Many had travelled a far greater distance than I ever had and had experiences very different from my own. What mattered in the classroom, though, was giving people the confidence to communicate and helping them feel a little less lost. Their determination stayed with me.
When I look back now, I find it quite remarkable that language has run through so much of my life. As a young woman, I altered my own voice because I was embarrassed by my Lincolnshire dialect. Later I found another voice through poetry. Then I spent years helping people from around the world find their confidence speaking English.
Perhaps none of that was planned. Life rarely joins the dots for you while you’re living it. You only see the pattern when you look backwards.
Chris passed away in 2023. After being together for so many years, losing him changed everything. There are things you become accustomed to sharing with another person without even thinking about them: ordinary conversations, familiar routines, memories that only the two of you completely understand. When that person is no longer there, it is often those ordinary things you miss the most.
I still have the landscape that has accompanied me for most of my life. I can walk beside the sea, through the dunes and around the places I knew as a child. I can still forage, still notice what is growing and remember the things my grandfather taught me all those years ago.
And I still write.
Sometimes I think about that young girl who changed the way she spoke because other people laughed at her accent. I wish I could tell her that one day words would become one of the most important parts of her life. They would allow her to teach. They would allow her to write. And they would help her find her own voice again.
After all these years, I think perhaps that Lincolnshire voice was worth holding on to after all.